Sexualpädagogik und Schule: Fachliche Perspektiven zur aktuellen Diskussion in Sachsen-Interview beim MDR
- daniloziemen

- vor 5 Tagen
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Herr Ziemen, an einer Oberschule in Schleife in Landkreis Bautzen sollen Jugendlichen im Rahmen einer Theaterprojektwoche offenbar versehentlich pornografische Bilder gezeigt worden sein. Wie bewerten Sie das Geschehen?
Der Fall zeigt einmal mehr, dass Diskussionen über Sexualität sehr schnell emotional aufgeladen werden. Besonders dann, wenn queere Themen eine Rolle spielen – was hier vermutlich der Fall ist, da offenbar Männer abgebildet waren. Dann schlägt die öffentliche Empörung schnell hohe Wellen und eine sachliche Auseinandersetzung gerät in den Hintergrund. Dieses Muster kennen wir aus vielen Bereichen: ob Kitakontext, Schule oder Jugendarbeit – Sexualität wird häufig skandalisiert.

Jugendliche haben heutzutage leicht Zugang zu pornografischen Inhalten im Internet. Das in Schleife verwendete Heft zeigt nach unserem bisherigen Kenntnisstand* aber offenbar keine klassische kommerzielle Pornografie. Wie problematisch ist das?
Zunächst ist festzuhalten: Bereits rund 50 Prozent der Zehnjährigen besitzen ein eigenes Smartphone. Nicht immer ist die Mediennutzung gut begleitet – weder durch Eltern noch durch Schule. Gleichzeitig wissen wir, dass mit zunehmendem Alter die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Jugendliche pornografische Inhalte gesehen haben.Gerade deshalb muss Schule sich damit auseinandersetzen. Im Sinne digitaler Medienkompetenz gehört auch das Thema Pornografie dazu. Wichtig ist jedoch, dass solche Inhalte pädagogisch eingebettet, vorbereitet und professionell begleitet werden. In Schleife scheint genau das nicht passiert zu sein. Offenbar ist das Material unbeabsichtigt gezeigt worden und war nicht Bestandteil des eigentlichen Projektinhalts. Für die Jugendlichen stand es dadurch unkommentiert im Raum.
Sie meinen: Im Unterricht sollte also auch über Pornografie gesprochen werden, gezeigt werden aber nicht?
Das ist ein kleiner Widerspruch auf den ersten Blick vielleicht, aber in der Praxis ist das gut begründbar. Wir dürfen – und müssen – über Pornografie sprechen, weil wir wissen, dass Jugendliche und auch Erwachsene das nutzen. Das ist wichtig für Prävention, für Aufklärung und für sexuelle Selbstbestimmung. Zeigen dürfen wir es nicht. Bilder braucht es dafür auch nicht. Die Frage ist ja: Was sollten wir uns gemeinsam in einer Schulklasse anschauen?
Die AfD greift den Vorfall nun politisch auf und fordert, Nichtregierungsorganisationen aus den Schulen fernzuhalten. Halten Sie diesen Vorstoß für sinnvoll?
Nein, das halte ich für den falschen Weg. Unsere Gesellschaft verändert sich rasant und wird immer vielfältiger. Schule kann und sollte darauf reagieren – und ist dabei auf externe Partnerinnen und Partner angewiesen. Entscheidend ist nicht, ob externe Organisationen beteiligt sind, sondern nach welchen Qualitäts- und Ethikstandards sie arbeiten.Diese Standards existieren. Die Gesellschaft für Sexualpädagogik etwa hat verbindliche Ethikrichtlinien, ebenso Verbände der queeren Bildungsarbeit. Wichtig ist Transparenz. Sexualerziehung in all ihren Facetten ist Teil des schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrags.
Was raten Sie den Verantwortlichen, um wieder zu einer sachlichen Debatte zu kommen?
Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Bildung. Da sexuelle Inhalte durch digitale Medien allgegenwärtig sind, ist Sexualbildung unverzichtbar. Dabei sollten wir unaufgeregt bleiben. Verkürzungen und Empörungswellen helfen weder dem Kinder- noch dem Jugendschutz.Im Gegenteil: Wir wissen aus der Präventionsarbeit, dass offene Gespräche über Sexualität wirksam sind – auch, um sexualisierte Gewalt oder Grenzverletzungen zu verhindern. Mein Rat ist daher: durchatmen, pädagogisch reflektieren, prüfen, was didaktisch verbessert werden kann, und nicht jede öffentliche Empörung reflexhaft verstärken.



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