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Sexualisierte Gewalt unter Jugendlichen: Was aktuelle Studien zeigen – und was das für die pädagogische Praxis bedeutet

  • Autorenbild: daniloziemen
    daniloziemen
  • vor 3 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Sexualisierte Gewalt unter Jugendlichen ist kein Randphänomen.Aktuelle Ergebnisse der Jugendsexualitätsstudie 2025/2026 des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) zeigen, dass sie für viele junge Menschen Teil ihrer Lebensrealität ist.

Der Blick auf die Daten macht deutlich:Es geht nicht nur um Einzelfälle – sondern um strukturelle Dynamiken, die Fachkräfte und Eltern gleichermaßen betreffen.


Zentrale Ergebnisse der aktuellen Studie zur sexualisierten Gewalt bei Jugendlichen

Die repräsentative Befragung von über 5.800 jungen Menschen zeigt eine hohe Betroffenheit:

  • 64 % berichten von sexualisierter Gewalt ohne Körperkontakt

  • 29 % haben körperliche sexualisierte Gewalt erlebt

  • 24 % sind von Gewalt im Kontext von intimen Bildern oder Videos betroffen

  • 38 % haben solche Situationen bei anderen mitbekommen (Bystander-Perspektive)

  • 69 % sprechen nach einem Übergriff mit jemandem – meist mit Gleichaltrigen


Diese Zahlen verdeutlichen:Sexualisierte Gewalt bei Jugendlichen findet in unterschiedlichen Formen statt – und ist im Alltag vieler präsent.

Teenager auf der Straße

Sexualisierte Gewalt als Peer-Gewalt unter Jugendlichen

Ein besonders relevanter Befund für die pädagogische Praxis:Sexualisierte Gewalt im Jugendalter geschieht häufig unter Gleichaltrigen (Peer-Gewalt).


In vielen Fällen sind die ausübenden Personen:

  • Freund*innen

  • Mitschüler*innen

  • Personen aus dem sozialen Nahfeld


Das bedeutet:Gewalt findet nicht „von außen“ statt, sondern innerhalb sozialer Beziehungen von Jugendlichen.

Für Fachkräfte stellt das eine besondere Herausforderung dar, da hier Nähe, Vertrauen und Grenzverletzungen eng miteinander verwoben sind.


Digitale sexualisierte Gewalt: Die Rolle von Social Media und Sexting

Die Studie zeigt außerdem deutlich:Digitale sexualisierte Gewalt ist ein zentraler Bestandteil jugendlicher Lebenswelten.

Typische Situationen sind:

  • das unerwünschte Zusenden sexueller Inhalte

  • Druck, intime Bilder zu verschicken (Sexting-Druck)

  • das Weiterleiten oder Veröffentlichen von Aufnahmen ohne Einwilligung


Diese Formen sind oft weniger sichtbar als körperliche Übergriffe, können aber ebenso belastend sein und verbreiten sich schnell.


Bystander-Perspektive: Ein Schlüssel für Prävention sexualisierter Gewalt

Ein zentraler, häufig übersehener Aspekt ist die Rolle von sogenannten Bystandern – also Personen, die Situationen sexualisierter Gewalt miterleben oder davon erfahren.

  • 38 % der Befragten geben an, solche Situationen mitzubekommen

  • Bei rund einem Drittel der körperlichen Übergriffe sind andere anwesend


Das zeigt:Sexualisierte Gewalt unter Jugendlichen ist oft in Gruppendynamiken eingebettet.

Hier liegt ein wichtiges Potenzial für Prävention:Jugendliche können nicht nur betroffen oder ausübend sein – sondern auch unterstützend oder eingreifend handeln.


Warum Jugendliche selten mit Fachkräften über sexualisierte Gewalt sprechen

Ein weiterer wichtiger Befund betrifft den Umgang mit erlebter Gewalt:

Zwar sprechen 69 % der Betroffenen mit jemandem über ihre Erfahrungen –doch dies geschieht überwiegend im Kreis von Gleichaltrigen.

Fachkräfte werden deutlich seltener einbezogen.

Ein entscheidender Faktor ist dabei das familiäre Umfeld:Wenn in Familien offen über Sexualität gesprochen wird, wenden sich Jugendliche nach Grenzverletzungen deutlich häufiger an andere.


Das unterstreicht die Bedeutung von:

  • Gesprächskultur in Familien

  • Sprachfähigkeit im Umgang mit Sexualität

  • Vertrauen und Beziehungsqualität


Was bedeutet das für die sexualpädagogische Praxis?

Die Ergebnisse lassen sich in drei zentrale Handlungsimpulse übersetzen:

1. Sexuelle Bildung als Prävention sexualisierter Gewalt

Sexuelle Bildung ist nicht nur Wissensvermittlung.Sie schafft Orientierung, stärkt Selbstwahrnehmung und unterstützt Jugendliche dabei, Grenzen zu erkennen und zu benennen.


2. Peer-Dynamiken in der Jugendhilfe ernst nehmen

Da viele Übergriffe im Kontext von Gleichaltrigen stattfinden, reicht ein Fokus auf Täter*innen und Betroffene nicht aus.

Wichtig ist:

  • Gruppendynamiken verstehen

  • Rollen reflektieren

  • Handlungsmöglichkeiten im sozialen Kontext entwickeln


3. Ansprechbarkeit für Jugendliche aktiv gestalten

Wenn Jugendliche sich eher Gleichaltrigen anvertrauen, stellt sich die Frage:

Wie können Fachkräfte und Eltern so präsent sein,dass sie als vertrauensvolle Ansprechpersonen wahrgenommen werden?

Dazu gehören:

  • eine offene, nicht bewertende Haltung

  • klare Sprache zu Sexualität und Grenzen

  • verlässliche Beziehungsgestaltung


Fazit: Sexualpädagogik als Schlüssel zur Prävention

Die aktuelle Studienlage zeigt deutlich:Sexualisierte Gewalt unter Jugendlichen ist ein relevantes Thema – in analogen wie digitalen Räumen und häufig im Kontext von Gleichaltrigen.


Für die pädagogische Praxis bedeutet das:Sexuelle Bildung, Prävention und Beziehungsarbeit müssen zusammengedacht werden.


Sexuelle Bildung ist damit ein zentraler Bestandteil von Prävention sexualisierter Gewalt.

 
 
 

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