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Wie sicher sind Pride-Demos? Queere Sicherheit, CSDs und rechte Gegenmobilisierung in Sachsen

  • Autorenbild: daniloziemen
    daniloziemen
  • vor 6 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Pride-Demonstrationen werden häufig auf bunte Bilder, Regenbogenflaggen und sommerliche Straßenfeste reduziert. In der öffentlichen Wahrnehmung stehen oft Sichtbarkeit, Feierlichkeit und Community im Vordergrund. Doch Pride war nie nur ein Fest. Pride war und ist politisch.

Gerade in den vergangenen Jahren zeigt sich immer deutlicher, dass Christopher Street Days (CSDs) und andere Pride-Veranstaltungen nicht nur Orte der Sichtbarkeit, sondern auch Orte gesellschaftlicher Auseinandersetzung sind. Wer sich sichtbar macht, wird nicht selten auch zum Ziel von Anfeindungen, Bedrohungen und Gewalt.

Eine aktuelle Studie der Agentur für Aufklärung und Demokratie e.V. (AfAuD) mit dem Titel „Sichtbarkeit und Sicherheit – Die Auswirkungen rechter Gegenmobilisierungen auf Pride-Teilnehmende in Sachsen“ macht genau das sichtbar: Wie erleben queere Menschen und ihre Verbündeten Pride-Veranstaltungen unter den Bedingungen zunehmender rechter Mobilisierung? Was bedeutet Sicherheit auf einem CSD? Und wie wirkt sich gesellschaftliche Queerfeindlichkeit auf das Erleben von Pride aus?

Die Ergebnisse sind deutlich – und gesellschaftlich hoch relevant.


Pride ist politisch – und das bleibt so

Pride-Veranstaltungen sind Räume für Sichtbarkeit, Solidarität und Empowerment. Besonders in ländlichen Regionen sind sie oft einer der wenigen öffentlichen Orte, an denen queeres Leben sichtbar wird. Für viele LSBTQIA+-Personen bedeutet Pride nicht nur Feier, sondern Schutzraum, Gemeinschaft und das Gefühl, nicht allein zu sein.

Gleichzeitig geraten diese Räume zunehmend unter Druck. Rechte Gegenmobilisierungen, queerfeindliche Angriffe und organisierte Einschüchterungsversuche prägen vielerorts inzwischen die Realität von CSDs.

Die Studie zeigt: Rechte Gegenmobilisierung ist längst kein Einzelfall mehr.

Das Studiendesign: 17 Pride-Events, 2.701 Fragebögen

Für die Untersuchung wurden im Jahr 2025 alle 17 Pride-Veranstaltungen in Sachsen begleitet. Im Mittelpunkt stand nicht die rechte Szene selbst, sondern die Perspektive der Teilnehmenden: Wie sicher fühlen sie sich? Haben sie Gewalt erlebt? Fühlen sie sich durch Pride gestärkt oder eher bedroht?

Die Befragung erfolgte online und wurde direkt auf den Veranstaltungen sowie über Instagram verbreitet. Insgesamt konnten 2.701 gültige Fragebögen ausgewertet werden. Das entspricht etwa sechs Prozent aller Pride-Teilnehmenden in Sachsen. Außerhalb der Großstädte lag die Beteiligung sogar bei über 16 Prozent.

Zusätzlich gingen fast 1.000 Freitextantworten ein, in denen Menschen ihre Erfahrungen, Unsicherheiten und Forderungen schilderten.

Die Ergebnisse sind statistisch nicht repräsentativ, liefern aufgrund der hohen Fallzahl jedoch ein sehr deutliches Stimmungsbild.


Sichtbarkeit bedeutet für viele auch Angst

Ein besonders eindrückliches Ergebnis der Studie ist die Frage nach dem Sicherheitsempfinden.

36 Prozent der Befragten kennen Personen, die aus Angst vor Übergriffen einer Pride-Veranstaltung ferngeblieben sind.

Bereits diese Zahl zeigt: Gewalt wirkt nicht erst dann, wenn sie stattfindet. Die Angst davor verändert Verhalten, schränkt Sichtbarkeit ein und verhindert Teilhabe.

Während sich auf dem Event selbst nur neun Prozent der Befragten unsicher fühlten, stieg dieser Wert auf dem Rückweg auf 38 Prozent. Besonders die Heimreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln wurde häufig als belastend und bedrohlich beschrieben.

Viele schildern das Zusammentreffen mit rechten Gruppen an Bahnhöfen oder in Zügen als den gefährlichsten Moment des Tages.

Sicherheit endet also nicht am Veranstaltungsort.


Queerfeindliche Gewalt ist keine Ausnahme

Die Studie dokumentiert eine hohe Dichte an Beleidigungen, Bedrohungen und körperlicher Gewalt.

Auf allen 17 untersuchten Pride-Veranstaltungen wurden Beleidigungen und Bedrohungen berichtet. Körperliche Übergriffe wurden auf zwölf von 17 Events angegeben.

Insgesamt wurden:

  • 755 selbst erlebte Beleidigungen und Bedrohungen

  • 1.530 beobachtete Beleidigungen und Bedrohungen

  • 55 selbst erlebte Fälle körperlicher Gewalt

  • 232 beobachtete Fälle körperlicher Gewalt

gemeldet.

Ein Großteil dieser Vorfälle wurde rechten Gegenmobilisierungen zugeordnet. Gleichzeitig zeigt die Studie auch: Nicht nur organisierte rechte Gruppen sind eine Bedrohung. Auch Passant*innen wurden häufig als Quelle von Anfeindungen benannt.

Queerfeindlichkeit ist damit kein Randphänomen extremistischer Gruppen, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Realität.


Wem vertrauen Pride-Teilnehmende?

Besonders spannend ist die Frage nach Vertrauen.

Nur 54 Prozent der Befragten hatten das Gefühl, sich in Gefahrensituationen auf die Polizei verlassen zu können. Etwa zehn Prozent äußerten sogar die Sorge, selbst Gewalt durch Polizeikräfte zu erfahren.

Noch deutlicher ist der Blick auf das Vertrauen in Passant*innen: Nur 16 Prozent glaubten, im Ernstfall auf Unterstützung aus dem Umfeld zählen zu können.

Ganz anders sieht es innerhalb der Community aus:

93 Prozent der Befragten vertrauten anderen Pride-Teilnehmenden.

Diese Zahl ist bemerkenswert.

Sie zeigt, dass Sicherheit nicht nur durch Polizeipräsenz oder Sicherheitskonzepte entsteht. Sicherheit entsteht auch durch Zugehörigkeit, Solidarität und soziale Räume, in denen Menschen sich gegenseitig schützen.


Trotz allem: Pride bleibt Empowerment

Vielleicht ist das wichtigste Ergebnis der Studie genau dieses:

Trotz aller Bedrohungen fühlten sich 90 Prozent der Befragten durch ihre Teilnahme an Pride-Veranstaltungen ermächtigt. 97 Prozent gaben an, erneut teilnehmen zu wollen.

Das ist eine starke Botschaft.

Pride ist nicht nur ein Ort, an dem Gewalt sichtbar wird. Pride ist auch ein Ort des Widerstands, der Selbstermächtigung und der politischen Handlungsfähigkeit.

Gerade deshalb ist es problematisch, wenn öffentliche Debatten ausschließlich auf Bedrohung fokussieren. Wer nur über Gefahr spricht, gibt rechten Akteur*innen oft mehr Raum als den Menschen, die für Sichtbarkeit und Demokratie einstehen.

Pride ist mehr als Reaktion auf Gewalt. Pride ist aktiver gesellschaftlicher Anspruch.


Was bedeutet das für Fachkräfte?

Für Fachkräfte in Sozialer Arbeit, Schule, Beratung, Jugendhilfe und politischer Bildung stellt sich damit eine zentrale Frage:

Wie schaffen wir Räume, in denen Menschen sichtbar sein können, ohne Angst haben zu müssen?

Queere Sicherheit ist nicht nur eine Frage von Veranstaltungsplanung oder Polizeipräsenz. Sie beginnt im Alltag: in Schulen, Jugendhilfeeinrichtungen, Vereinen, Beratungsstellen und pädagogischen Beziehungen.

Dort entscheidet sich, ob Menschen lernen, dass Vielfalt geschützt wird – oder ob sie erleben, dass Sichtbarkeit riskant ist.

Sexuelle Bildung, Prävention und Haltung sind deshalb immer auch politische Arbeit.


Pride-Demos waren, sind und bleiben politisch

Die Studie aus Sachsen zeigt nicht nur etwas über CSDs. Sie zeigt etwas über unsere Gesellschaft.

Über den Umgang mit Vielfalt. Über Solidarität. Über demokratische Räume. Und über die Frage, wer sich sicher fühlen darf.

Pride-Demos waren nie unpolitisch.

Sie waren und sind Orte, an denen gesellschaftliche Konflikte sichtbar werden – aber auch Orte, an denen Hoffnung, Widerstand und Gemeinschaft entstehen.

Sichtbarkeit ist politisch.

Sicherheit auch.


Quelle

Agentur für Aufklärung und Demokratie e.V. (2025):Sichtbarkeit und Sicherheit. Die Auswirkungen rechter Gegenmobilisierungen auf Pride-Teilnehmende in Sachsen.

 
 
 

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