Jugendsexualität und Internet: Wo informieren sich Jugendliche über Sexualität?

Google, YouTube, TikTok, Instagram oder inzwischen ChatGPT: Das Internet bietet Jugendlichen zahlreiche Möglichkeiten, Antworten auf Fragen zu Sexualität, Beziehung, Körper und Verhütung zu finden. Doch welche digitalen Quellen nutzen Jugendliche tatsächlich? Und für wie glaubwürdig halten sie diese?
Aktuelle Antworten darauf liefert die 10. Welle der repräsentativen Studie „Jugendsexualität“ des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). Die Daten zeigen: Das Internet bleibt ein wichtiger Ort der Sexualaufklärung. Gleichzeitig lohnt sich ein genauerer Blick. Denn Jugendliche nutzen ganz unterschiedliche digitale Informationsquellen – und schätzen deren Glaubwürdigkeit durchaus unterschiedlich ein.
Für die Sexuelle Bildung stellt sich deshalb nicht nur die Frage, welches Wissen Jugendliche über Sexualität benötigen. Mindestens ebenso wichtig ist die Frage, wie sie darin unterstützt werden können, sexuelle Informationen im Internet zu finden, zu bewerten und einzuordnen.

Das Internet bleibt eine wichtige Quelle der Sexualaufklärung
Das Internet gehört weiterhin zu den wichtigen Informationsquellen Jugendlicher, wenn es um Sexualität geht. Allerdings zeigt die aktuelle Jugendsexualitätsstudie eine interessante Entwicklung.
2019 nannten noch 59 Prozent der Jugendlichen das Internet als relevante Quelle ihrer Sexualaufklärung. 2025 sind es 53 Prozent. Damit hat das Internet erstmals seit seiner erstmaligen Erfassung im Jahr 2003 etwas an Bedeutung verloren.
Das bedeutet keineswegs, dass digitale Medien für die Sexualaufklärung Jugendlicher unwichtig geworden sind. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen nennt das Internet weiterhin als Informationsquelle. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass Sexuelle Bildung keineswegs vollständig in den digitalen Raum abgewandert ist.
Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die Rolle der Schule: 78 Prozent der Jugendlichen nennen 2025 den Schulunterricht als Quelle der Sexualaufklärung. 2019 waren es noch 69 Prozent.
Die Ergebnisse sprechen damit gegen eine einfache Erzählung, nach der Jugendliche ihr Wissen über Sexualität heute vor allem aus sozialen Medien beziehen.
Quelle: BIÖG, Jugendsexualität 10. Welle, S. 23.
Google vor YouTube, TikTok und Instagram
Noch interessanter wird es, wenn genauer betrachtet wird, welche Angebote Jugendliche nutzen, wenn sie sich im Internet über Sexualität informieren.
Von den 14- bis 17-Jährigen, die das Internet als Informationsquelle für Sexualaufklärung nutzen, nennen:
66 Prozent Suchmaschinen wie Google
40 Prozent YouTube
26 Prozent Wikipedia
24 Prozent TikTok
23 Prozent Instagram
14 Prozent KI-Anwendungen bzw. Sprachmodelle wie ChatGPT
Die Ergebnisse zeigen zunächst, dass „das Internet“ keine einheitliche Informationsquelle ist. Jugendliche begegnen Informationen über Sexualität auf sehr unterschiedlichen Plattformen und in unterschiedlichen Formaten.
Eine Suchmaschine funktioniert anders als TikTok. Ein YouTube-Video vermittelt Informationen anders als eine Beratungswebsite. Und die Antwort eines KI-Sprachmodells entsteht unter völlig anderen Bedingungen als ein Beitrag einer sexualpädagogischen Fachstelle.
Wichtig ist zudem eine methodische Einschränkung: Die genannten Prozentwerte beziehen sich nicht auf alle Jugendlichen, sondern auf diejenigen 14- bis 17-Jährigen, die das Internet als Quelle ihrer Sexualaufklärung angegeben haben. Zudem waren Mehrfachantworten möglich.
Quelle: BIÖG, Jugendsexualität 10. Welle, S. 24.
TikTok und Instagram werden genutzt – gelten aber nicht automatisch als glaubwürdig
Besonders aufschlussreich ist die Jugendsexualitätsstudie dort, wo sie nicht nur nach der Nutzung, sondern auch nach der eingeschätzten Glaubwürdigkeit unterschiedlicher Internetquellen fragt.
Als „eher“ oder „sehr glaubwürdig“ bewerten Jugendliche:
85 Prozent Aufklärungs- und Beratungsseiten
79 Prozent Internetforen unter Beteiligung von Expert*innen
73 Prozent Suchmaschinen
72 Prozent Wikipedia
48 Prozent KI-Anwendungen wie ChatGPT
27 Prozent Instagram
20 Prozent TikTok
Gerade die vergleichsweise niedrigen Werte von Instagram und TikTok sind interessant. Soziale Medien werden von Jugendlichen durchaus zur Information über Sexualität genutzt. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass den dort gefundenen Informationen auch eine hohe Glaubwürdigkeit zugeschrieben wird.
An dieser Stelle ist eine vorsichtige Interpretation wichtig: Aus den Ergebnissen lässt sich nicht ableiten, dass Jugendliche zuverlässig zwischen richtigen und falschen Informationen unterscheiden können. Die Studie erhebt die subjektive Einschätzung der Glaubwürdigkeit verschiedener Quellen. Ob Jugendliche die Qualität einer konkreten Information tatsächlich beurteilen können, ist damit nicht beantwortet.
Quelle: BIÖG, Jugendsexualität 10. Welle, S. 25.
ChatGPT und KI werden Teil der Sexualaufklärung
Eine Besonderheit der aktuellen Erhebungswelle ist die Aufnahme Künstlicher Intelligenz in die Befragung.
14 Prozent der Jugendlichen, die das Internet zur Sexualaufklärung nutzen, nennen bereits KI-Anwendungen bzw. Sprachmodelle wie ChatGPT als Informationsquelle. Gleichzeitig bewerten 48 Prozent der befragten Jugendlichen KI-Anwendungen im Kontext der Sexualaufklärung als eher oder sehr glaubwürdig.
Auch hier sollten beide Zahlen nicht unmittelbar miteinander verrechnet werden: Sie stammen aus unterschiedlichen Fragestellungen und beziehen sich nicht auf exakt dieselbe Ausgangsgruppe.
Dennoch macht die erstmalige Erfassung von KI eine Entwicklung sichtbar, mit der sich Sexuelle Bildung beschäftigen muss. Jugendliche können KI-Systeme beispielsweise nach Verhütung, sexuellen Praktiken, Körperentwicklung, sexueller Orientierung, Beziehungen oder persönlichen Unsicherheiten fragen.
Dabei hat KI eine besondere Qualität: Anders als bei einer klassischen Internetsuche erhalten Nutzer*innen häufig unmittelbar eine ausformulierte und auf ihre Frage zugeschnitten wirkende Antwort.
Das kann niedrigschwellig sein. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie Jugendliche einschätzen können, ob eine solche Antwort fachlich korrekt, vollständig und für ihre individuelle Situation angemessen ist.
Sexuelle Bildung im digitalen Raum bedeutet mehr als Faktenwissen
Für mich liegt hier eine wichtige Aufgabe zeitgemäßer Sexualpädagogik.
Sexuelle Bildung kann sich nicht darauf beschränken, Jugendlichen vermeintlich „richtiges Wissen“ zu vermitteln und dieses falschen Informationen aus dem Internet gegenüberzustellen.
Jugendliche bewegen sich in einer Informationslandschaft, in der professionelle Beratungsangebote, Suchmaschinen, soziale Medien, Influencer*innen, Foren, Wikipedia, Pornografie und inzwischen KI-Anwendungen nebeneinander existieren.
Deshalb gehört zur Sexuellen Bildung auch die Fähigkeit, Fragen an Informationen zu stellen:
Wer stellt diese Information zur Verfügung?
Welche fachliche Grundlage gibt es dafür?
Welche Perspektive wird dargestellt – und welche fehlt möglicherweise?
Geht es um Information, Beratung, Unterhaltung oder Werbung?
Kann ich die Aussage durch eine andere Quelle überprüfen?
Und wann reicht eine Information aus dem Internet nicht mehr aus und eine persönliche Beratung oder andere professionelle Unterstützung ist sinnvoll?
Damit wird Medienkompetenz zu einem wichtigen Bestandteil Sexueller Bildung.
Jugendliche brauchen nicht weniger Internet, sondern Möglichkeiten zur Einordnung
Aus meiner Sicht wäre es deshalb zu kurz gegriffen, digitale Medien in der Sexualpädagogik vor allem als Risiko zu betrachten.
Die entscheidende pädagogische Frage lautet nicht: Wie verhindern wir, dass Jugendliche sich im Internet über Sexualität informieren?
Eine realistischere Frage ist:
Wie können wir Jugendliche dabei unterstützen, mit den Informationen umzugehen, die ihnen dort begegnen?
Dazu gehört auch, ihre eigenen Erfahrungen ernst zu nehmen. Welche Plattformen nutzen sie? Welche Antworten waren hilfreich? Wo sind sie auf widersprüchliche Aussagen gestoßen? Welchen Personen oder Angeboten vertrauen sie – und warum?
Solche Fragen können Ausgangspunkt sexualpädagogischer Arbeit sein.
Medienkompetenz in der Sexuellen Bildung bedeutet dabei nicht nur, vor Falschinformationen zu warnen. Sie bedeutet auch, Jugendliche dabei zu unterstützen, Quellen zu vergleichen, Interessen hinter Inhalten zu erkennen, Unsicherheiten auszuhalten und bei Bedarf verlässliche Ansprechpersonen und Beratungsangebote zu finden.
Was bedeuten die Ergebnisse für pädagogische Fachkräfte?
Für Schulen, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe und andere pädagogische Arbeitsfelder ergibt sich daraus eine konkrete Herausforderung.
Sexuelle Bildung sollte digitale Lebenswelten nicht als zusätzliches Spezialthema behandeln, das irgendwann nach den „eigentlichen“ Themen Sexualität, Verhütung oder Beziehungen kommt.
Digitale Medien sind längst Teil der Lebenswelt, in der Wissen über Sexualität entsteht und ausgehandelt wird.
In Fortbildungen und Workshops kann deshalb beispielsweise gemeinsam mit Jugendlichen untersucht werden, welche Antworten unterschiedliche Quellen auf dieselbe sexuelle Frage geben. Eine Suchmaschine, TikTok, eine professionelle Beratungsseite und eine KI können dabei zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Entscheidend wäre dann nicht nur die Frage: Welche Antwort ist richtig?
Interessanter sind häufig die Fragen dahinter: Wie erkenne ich Qualität? Welche Informationen fehlen? Welche Sprache wird verwendet? Welche Vorstellungen von Körper, Geschlecht, Beziehung oder Sexualität werden transportiert? Und woher weiß ich eigentlich, wem ich glauben kann?
Sexuelle Bildung wird damit auch zu einem Raum für kritische Medienbildung.
Fazit: Medienkompetenz gehört zur Sexuellen Bildung
Die aktuellen Ergebnisse der Studie „Jugendsexualität“ zeigen ein differenziertes Bild. Das Internet bleibt eine wichtige Informationsquelle für Jugendliche, ist aber keineswegs die einzige. Suchmaschinen spielen eine größere Rolle als soziale Netzwerke. Gleichzeitig unterscheiden sich die Einschätzungen der Glaubwürdigkeit verschiedener digitaler Angebote erheblich.
Mit KI-Anwendungen wie ChatGPT kommt eine weitere Informationsquelle hinzu, die für Jugendliche bereits eine Rolle spielt.
Für die Sexualpädagogik bedeutet das aus meiner Sicht: Wir müssen nicht nur darüber sprechen, was Jugendliche über Sexualität wissen sollten.
Wir sollten auch darüber sprechen, woher dieses Wissen kommt, wie Informationen eingeordnet werden können und welche Quellen für welche Fragen geeignet sind.
Sexuelle Bildung braucht deshalb auch Medienkompetenz.
Quelle
Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) (2026): Jugendsexualität 10. Welle. Short Report. Ergebnisse der repräsentativen Wiederholungsbefragung 2025. Köln: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit.
Für diesen Beitrag insbesondere:
S. 23: Kapitel 3.2 „Quellen der Sexualaufklärung: Medien“S. 24: Kapitel 3.3 „Internetquellen der Sexualaufklärung“S. 25: Kapitel 3.4 „Glaubwürdigkeit der jeweiligen Internetquellen“
Die repräsentative Wiederholungsbefragung wurde von Februar bis Juli 2025 durchgeführt. Befragt wurden 3.514 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren und 2.341 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 25 Jahren. Die dargestellten Ergebnisse der Kapitel zu den Quellen der Sexualaufklärung beziehen sich teilweise gezielt auf Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren.



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