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Jugendsexualität und Schule: Worüber Jugendliche sprechen wollen

Autorenbild: daniloziemen
daniloziemen
27. Aug.
4 Min. Lesezeit

Was beschäftigt Jugendliche rund um Sexualität – und worüber wird eigentlich in der Schule gesprochen?


Die aktuelle Studie „Jugendsexualität 10. Welle“ des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) gibt darauf interessante Antworten. Und sie zeigt zunächst etwas, das bei der Diskussion über schulische Sexualaufklärung manchmal untergeht: Schule erreicht Jugendliche.

92 Prozent der befragten Jugendlichen geben an, dass im Unterricht Themen der Sexualkunde beziehungsweise Sexualerziehung behandelt wurden. Besonders häufig ging es um Geschlechtsorgane (88 %), körperliche und sexuelle Entwicklung (83 %), Verhütung (83 %) und sexuell übertragbare Infektionen (79 %).¹

Schule ist damit weiterhin ein zentraler Ort sexueller Bildung.

Interessant wird es aber, wenn wir genauer hinschauen.

Danilo Ziemen, Sexualpädagoge und Sexualwissenschaftler aus Dresden, vor einer begrünten Steinmauer.

Worüber wird im Sexualkundeunterricht gesprochen?

Neben den klassischen Themen finden mittlerweile auch andere Aspekte Eingang in den Unterricht.

58 Prozent der Jugendlichen berichten, dass sexuelle Orientierung behandelt wurde. Bei 48 Prozent ging es um einvernehmlichen Sex, bei 46 Prozent um sexualisierte Grenzverletzungen und bei 40 Prozent um Sexualität im Internet.

Seltener wurden dagegen binäre und nicht-binäre Geschlechtsidentitäten (38 %), sexuelle Praktiken und Orgasmus (32 %) sowie Selbstbefriedigung (30 %) thematisiert.¹

Das zeigt zunächst: Sexualkunde ist keineswegs ausschließlich Biologieunterricht.

Gleichzeitig gibt es deutliche Unterschiede darin, wie häufig bestimmte Themen Jugendliche erreichen.


Und worüber möchten junge Menschen mehr wissen?

Besonders interessant finde ich deshalb einen zweiten Teil der Studie. Jugendliche und junge Erwachsene wurden gefragt, bei welchen Themen sie sich zusätzliche Informationen wünschen.

40 Prozent nennen sexuell übertragbare Infektionen. Fast genauso viele wünschen sich mehr Informationen zu sexuellen Praktiken und Orgasmus (39 %). Bei den Jugendlichen liegt dieser Anteil sogar bei 51 Prozent – gegenüber 34 Prozent bei den jungen Erwachsenen.²

Jeweils 35 Prozent wünschen sich zusätzliche Informationen zu Schwangerschaft und Geburt sowie Verhütung. 34 Prozent nennen sexualisierte Gewalt und 33 Prozent Schwangerschaftsabbruch.²

Diese Zahlen lassen sich nicht einfach als Liste von „Defiziten der Schule“ lesen. Denn die Studie fragt hier Jugendliche und junge Erwachsene nach zusätzlichen Informationsbedarfen und nicht danach, welche Themen ausschließlich in der Schule fehlen.

Gerade diese Unterscheidung finde ich wichtig.


Nicht „Schule macht zu wenig“ – sondern: Wo liegen die Herausforderungen?

Es wäre aus meiner Sicht zu einfach, aus den Ergebnissen die Forderung abzuleiten: Schulen müssen einfach noch mehr Themen behandeln.

Denn viele Themen kommen im Unterricht bereits vor.

Spannender ist die Frage, wie darüber gesprochen wird – und welche Themen für Lehrkräfte und andere pädagogische Fachkräfte besonders anspruchsvoll sind.

Über Verhütungsmethoden oder körperliche Entwicklung lässt sich anders sprechen als über Lust, Orgasmus, Selbstbefriedigung, Pornografie, Geschlechterbilder, Einvernehmlichkeit oder persönliche Grenzen.

Hier geht es nicht nur um die Vermittlung von Wissen.

Es geht auch um Werte, Normen, Unsicherheiten, Sprache und unterschiedliche Erfahrungen. Und nicht zuletzt um die Frage, wie Fachkräfte Gespräche ermöglichen können, ohne Jugendlichen die eigenen Vorstellungen davon zu vermitteln, was „richtige“ Sexualität oder „richtige“ Beziehungen sind.


Sexuelle Bildung braucht deshalb auch die Fachkräfte im Blick

Wenn wir die Interessen von Jugendlichen ernst nehmen, reicht es nicht, immer neue Themen in Lehrpläne oder pädagogische Konzepte aufzunehmen.

Wir müssen auch fragen:

Was brauchen die Erwachsenen, die mit Jugendlichen darüber sprechen sollen?

Fachkräfte benötigen Wissen. Sie brauchen Methoden. Vor allem brauchen sie aber auch die Möglichkeit, die eigene Haltung zu reflektieren.

Bei welchen Themen bin ich selbst unsicher?

Welche Fragen fallen mir leicht – und welchen weiche ich vielleicht eher aus?

Welche Vorstellungen von Geschlecht, Beziehungen oder Sexualität bringe ich selbst mit?

Wie reagiere ich, wenn Jugendliche Positionen vertreten, die meinen eigenen Wertvorstellungen widersprechen?

Und wie schaffe ich einen Raum, in dem Jugendliche Fragen stellen können, ohne beschämt oder bewertet zu werden?


Jugendliche nicht nur informieren, sondern mit ihnen sprechen

Für mich liegt genau hier eine wichtige Aufgabe zeitgemäßer Sexualpädagogik und sexueller Bildung.

Jugendliche brauchen verlässliche Informationen über Körper, Verhütung, sexuell übertragbare Infektionen und Schutz.

Sie brauchen aber ebenso Räume, in denen es um Beziehungen, Lust, Grenzen, Einvernehmlichkeit, Geschlechterbilder und ihre Erfahrungen in digitalen Lebenswelten gehen kann.

Die Ergebnisse der aktuellen Jugendsexualitätsstudie liefern deshalb für mich weniger eine fertige Themenliste für den nächsten Sexualkundeunterricht.

Sie geben vielmehr Anlass für eine andere Frage:


Worüber möchten Jugendliche eigentlich mit uns sprechen – und sind wir Erwachsenen darauf vorbereitet?


In meinen Fortbildungen und Workshops zu Jugendsexualität, sexueller Bildung und digitalen Medien arbeite ich mit Lehrkräften, pädagogischen Fachkräften und Teams genau an diesen Fragen.

Neben aktuellem Fachwissen geht es dabei um konkrete Situationen aus dem pädagogischen Alltag, um Sprache und Handlungsmöglichkeiten und immer auch um die Reflexion der eigenen professionellen Haltung.

Themen können unter anderem Jugendsexualität, Pornografie, Sexting und digitale Medien, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, Geschlechterrollen, Grenzen und Grenzverletzungen sowie die Gestaltung sexueller Bildungsangebote sein.

Fortbildungen und Workshops biete ich in Dresden, Sachsen und bundesweit sowie online an.


Sie möchten sexuelle Bildung in Ihrer Schule oder Einrichtung weiterentwickeln oder Fachkräfte im Umgang mit Jugendsexualität stärken? Ich freue mich über Ihre Anfrage.


Quelle

¹ Dinger, L. & Scharmanski, S. (2026): Jugendsexualität 10. Welle. Erste sexuelle Erfahrungen, Verhütung, Sexualaufklärung. BIÖG-Short-Report. Köln: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, S. 27.

² Dinger, L. & Scharmanski, S. (2026): Jugendsexualität 10. Welle. Erste sexuelle Erfahrungen, Verhütung, Sexualaufklärung. BIÖG-Short-Report. Köln: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, S. 28. DOI: 10.17623/bioeg_srh_sr_juse10_sexu-erfahrungen

 
 
 

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